Nikolaus Ehlen - der Namenspatron unserer Schule

Am 23. Februar 1982 erhielt unsere Schule den Namen Nikolaus-Ehlen-Gymnasium. Die Schulkonferenz beschloss dies, der Hauptausschuss des Rates der Stadt Velbert folgte dieser Empfehlung aus der Überzeugung heraus, dass es die Bildungseinheit schon längst verdient hatte, einen würdigen Namen, in diesem Fall den einer Velberter Persönlichkeit, zu erhalten. Der damalige Bürgermeister Heinz Schemken sprach in diesem Zusammenhang von Dr. Nikolaus Ehlen als einem großen Sohn unserer Stadt, der als Ehrenbürger weit über die Grenzen seiner Heimat bekannt ist. Mit seinem Nahmen, so Schemken, gehe eine wegweisende soziale Konzeption, das Siedlungswesen, einher. Nicht nur das Eigenheim, das Eigentum in Arbeitnehmerhand sei hierbei ein wichtiger Gesichtspunkt, sondern viel mehr noch die Gemeinschaft der Siedler in der Nachbarschaft war für Nikolaus Ehlen unverzichtbar. Schemken äußerte weiter, dass Ehlen gerade als Pädagoge hierbei insbesondere die Aspekte der sozialen Bindung gesehen habe, aber auch der nachbarschaftlichen Hilfe als einen wesentlichen Bestandteil der Herzensbildung. Schon zu Lebzeiten wurde dieser Mann “Siedlungsvater” genannt und hatte große Anerkennung auf internationaler Ebene und in Deutschland gefunden Seine einflussreichen Beziehungen zu hohen Persönlichkeiten des Staates, der Gesellschaft und zu Würdenträgern der Kirchen haben nach dem letzten Krieg vielen Menschen Möglichkeiten gerade für ein familiengrechtes Heim eröffnet, und dadurch hat er den Bürgern und sozial schwachen Familien durch sein Wirken Lebensinhalt und Motivation gegeben. So weit der damalige Bürgermeister in seinem Geleitwort zu Namengebung unserer Schule. Aber wer war Nikolaus Ehlen genau, wie sah sein Lebensweg aus? Wir, d h. die AG NEG 2000, haben versucht im Folgenden einige Schritte seines Lebensweges nachzuskizzieren:
Geboren wurde Ehlen am 9. Dezember 1886 in Graach an der Mosel, als Sohn eines Winzers, er besuchte von 1893 bis 1898 die dortige Volksschule und von 1898 bis 1909 die Gymnasien in Bernkastel, Prüm und Trier, wo er am 16. 2. 1909 das Abitur bestand. In den Jahren 1909 bis 1910 besuchte er das Priesterseminar Trier, ohne jedoch den Priesterberuf zu ergreifen. In diesen Jahren prägte ihn vor allem die Zuwendung zur Jugendbewegung, seine Freundschaft mit Ernst Thrasold so wie die Begegnung mit Carl Sonnenschein (Sozialstudentische Bewegung); später beschäftigte Ehlen sich vor allem auch mit Werken des Bodenreformers Adolf Damaschke. Zwischen 1910 und 1914 studierte er an der Universität Münster i.W. Mathematik, Physik, Chemie, Mineralogie und Philosophie. Er schloss sein Studium mit einer Staatsarbeit über das Alter der Erde aufgrund geologischer Daten. 1914 promovierte er zum Dr. phil., mit der Arbeit “Die Erkenntnis der Außenwelt bei Theodor Lipps”. Ein geplantes Studium der Atomphysik bei der berühmter Madame Curie in Paris scheiterte leider wegen des Kriegsausbruchs 1914. Noch im August meldete sich Ehlen als Kriegsfreiwilliger, wurde aber aus Gesundheitsgründen nicht angenommen. Statt dessen konnte er von 1914 bis 1915 seine Referendarausbildung in Trier durchführen und abschließen; er erhielt auch, anders als die meisten Referendare heute, umgehend eine Anstellung als Studienassessor, zunächst im Süddeutschen in Sigmaringen. Während dieser Zeit tat Ehlen sich bereits als Schriftleiter der Zeitschrift “Die Großdeutsche Jugend” als Beilage zum “Heiligen Feuer” hervor. Diese Zeitschrift erschien ab 1917 mit dem Titel “Lotsenrufe” selbständig. Die Zeitschrift war in der NS-Zeit einige Jahre verboten, erschien dann aber ab 1948 wieder bis zum Tode Ehlens. Viele interessante Beiträge Ehlens lassen diese Zeitschrift für uns heute als einmalige Quelle über den Menschen Ehlen, seine Philosophie und Einstellung erscheinen. Vom November 1916 bis zum Kriegsende 1918 musste Ehlen dann doch, zuletzt als Leutnant d. R., am Krieg teilnehmen, Stellungskämpfe in der Champagne und auch vor Verdun blieben ihm nicht erspart.
Nach dem Krieg wurde Ehlen Studienrat am Gymnasium in Velbert, wo er bis zu seiner Pensionierung 1952 verblieb.
Im August 1919 heiratete er Maria Stummel aus Kevelaer, die ihm bis 1934 acht Kinder schenkte. In den folgenden Jahren widmete Ehlen sich, wie schon vor dem Krieg, intensiv der Jugendbewegung, er nahm an vielen Tagungen teil und pflegte enge Kontakte zu F. W. Foerster. Im Mittelpunkt seiner damaligen Bemühungen stand eine Annäherung der christlichen Konfessionen. In diesem Zusammenhang standen in den folgenden Jahren auch seine vielfachen Teilnahmen an Einsätzen des internationalen Hilfsdienst, vor allem im ehemaligen Feindesland Frankreich.
Im Jahre 1925 sorgte er dafür, dass eine erste Siedlung für Kinderreiche in Velbert entstand. Dieser Aufgabe sollte dann auch, neben seiner verantwortungsbewussten Tätigkeit in der Schule, sein gesamtes weiteres Lebenswerk gelten, das sich auch schon bald mit dem Titel “Siedlungsvater” überschreiben läßt.

So sorgte er zwischen 1929 und 1936 nach Verkündigung des Reichsheimstättengesetzes für den Bau von Siedlungen für Arbeitslose in Velbert (In der Bleek, Zur Dalbeck), aber auch der Bau auswärtiger Siedlungen fand jederzeit seine tatkräftige Unterstützung. Daneben kümmerte er sich natürlich weiter um die christliche Jugendbewegung, der ja schon von je her sein ganzes Herz gegolten hatte. So hatte er vor 1933 eine führende Stellung im internationalen Versöhnungsbund und im Friedensbund deutscher Katholiken.
Im Februar 1933, also unmittelbar nach der NS-Machtergreifung, erscheint in seiner Zeitschrift “Lotsenrufe” ein von ihm verfasster Artikel gegen die Polenhetze der neuen Machthaber, worauf Ehlen kurzzeitig vom Dienst in der Schule beurlaubt wird. Sein darauf folgendes Versetzungsgesuch wird abgelehnt, statt dessen erhält er einen “scharfen Verweis” von der Schulbehörde für sein “unbesonnenes und das deutsche Ansehen schädigendes Verhalten”, ihm wird weiter untersagt, in Oberstufenklassen zu unterrichten. Da Ehlen aber nicht schweigen kann, muss er im September des Jahres sogar einige Tage Haft im Polizeigefängnis Mönchengladbach verbringen. Nur Freunden ist es zu verdanken, dass eine von einer NS-Organisation, wahrscheinlich SS oder SA, geplante “Abrechnung” verhindert wird. In den folgenden Jahren wird immer wieder das Ausscheiden Ehlens aus dem Schuldienst gefordert, so erhält er dann auch 1936 erneut eine “scharfe Verwarnung” als Folge weiterer Artikel gegen das NS-System. All dies nimmt Ehlen gesundheitlich so mit, dass er im Jahre 1937 einen schweren Herzinfarkt erleidet, dessen Folge u. a. ein Jahr Dienstunfähigkeit ist. Nicht zuletzt auch aus gesundheitlichen Gründen wird es in den nächsten Jahren still um ihn. Ehlen, einer der wenigen Nichtparteigenossen im Lehrerkollegium, hatte es nicht leicht, die nun folgenden dunkeln Jahre unserer Vergangenheit zu überstehen. Aber dieser so sehr vom Katholizismus geprägte Mann arbeitete weiter, sein Haus stand als Zuflucht sowohl dem verfolgten Kommunisten wie dem verfolgten SS-Offizier jederzeit offen, dem Schwachsinnigen wie dem Arbeits- und Obdachlosen. Brot wie Raum, beides nur spärlich vorhanden, wurde brüderlich, ganz im christlichen Sinne geteilt.
Um Ehlens Charakter als großen Menschen darzustellen, sei hier ein weiteres Beispiel aufgeführt: Er lieh nach 1945 sogar seine Hilfe den ehemaligen Gegnern und Feinden, so bemühte er sich, ohne Rachegefühle das ergangene Todesurteil gegen einen hohen SS-Offizier zu verhindern.
Die nun folgenden Jahre waren ganz geprägt von seiner Arbeit im Velberter Siedlungswesen. Noch im Mai 1945, also unmittelbar nach Kriegsende, begann Ehlen mit der Fortsetzung der schon vor dem Krieg begonnenen Mustersiedlung Langenhorst. Doch damit nicht genug, weit über die Grenzen Velberts hinaus sorgte er in ganz Westdeutschland und darüber noch hinaus um die Verbreitung des Selbsthilfegedankens durch die Gründung von Siedlergemeinschaften. Daneben lassen sich sowohl erfolgreiche Einflussnahmen auf die Wohnungsbaugesetzgebung, wie aber auch vergebliche Bemühungen um eine gerechte Bodenreform verzeichnen. Auch der Jugendarbeit blieb Ehlen nach dem Krieg verbunden, so sorgte er sich z. B. intensiv um die Förderung des Internationalen Zivieldienstes.
Auf dem ersten Katholikentag im Ruhrgebiet nach dem Krieg, in Bochum 1949, ist Ehlen u. a. auch am Bau des “Katholikendorfes Bochum” für Siedlungswillige jeder Konfession beteiligt, ähnliche Siedlungen entstehen nach Ehlens Plänen auch auf den folgenden Katholikentagen.
Ein Höhepunkt im Leben des tiefgläubigen Ehlen ist sicherlich die Audienz bei Papst Pius XII., 1950, in Zusammenhang mit seiner Romreise und der Gründung des Anno-Santo-Arbeitersiedlungswerks. Daneben hat Ehlen aber auch immer noch Zeit für seinen Lehrerberuf so wie für die Unterstützung der Aktivitäten seiner Frau Maria bei der Gründung der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung.
In Verbindung mit seiner Pensionierung im März 1952 erhält Ehlen die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Velbert, bereits ein Jahr zuvor wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, 1961 sogar mit dem Großen Bundesverdienstkreuz.
Weitere Ehrungen waren die Ritterschaft des Päpstlichen Gregoriusordens, 1956, und ein Besuch des damaligen Bundespräsidenten Lübke, Dezember 1964, bei Ehlen zu Hause. Am 18. Oktober 1965 verstarb Nikolaus Ehlen nach einen weiteren Herzinfarkt im Krankenhaus Essen-Werden.

Letzte posthume Ehrung erfuhr dieser große Mann unserer Stadt und unserer Schule sicherlich, als ihm zum Dank und zur Ehre das damalige Gymnasium an der Friedrich-Ebert-Strasse sich am 23. Februar 1982 den Namen Nikolaus-Ehlen-Gymnasium gab.

Hans-Martin Flaskühler